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Freitag, 18. Mai 2012

Morbus Menière


Bei der Menièr´schen Erkrankung handelt es sich um ein fest umschriebenes Krankheitsbild mit den Symptomen Druckgefühl im Ohr, Drehschwindel über Stunden einschließlich Erbrechen und zunehmender Schwerhörigkeit des betroffenen Ohres. Eine Variante des Morbus Menière ist das so genannte Lermoyez-Syndrom, wobei die Patienten während des Drehschwindelanfalles eine Hörverbesserung beschreiben. Die genaue Ursache des Krankheitsbildes ist nicht bekannt, jedoch ist man sich heute sicher, dass die Auslösung der Schwindelanfälle und auch die Ursache der Schwerhörigkeit in einem so genannten Hydrops des Innenohres, also einer pathologischen Druckerhöhung der Innenohrflüssigkeit zu suchen ist. Da man diese Pathomechnanismen hierfür sehr gut kennt, besteht ein klares Konzept zur Behandlung des Morbus Menière.

Oft beginnt der Morbus Menière mit einer Hörminderung im Tieftonbereich und dem Anzeichen von Ohrdruck, bis dann die ersten Schwindelanfälle auftreten. In diesem Stadium besteht die Therapie in der Anwendung bestimmter Medikamente (Betahistin, z.B. Aequamen(R), Vasomotal (R)) und der kurzzeitigen Anwendung von Wasser treibenden Medikamenten (Diuretika).

Können damit die Schwindelanfälle nicht beseitigt werden, kommen als weitere Therapieansätze entweder der hörerhaltende operative Eingriff, die so genannte Saccotomie oder die Anwendung, andere Operationen oder die Anwendung von ototoxischen Medikamenten zur Minderung der Endolymphproduktion in Betracht. Die Auswahl richtet sich individuell nach den Bedürfnissen des Patienten und orientiert sich an dem noch vorhandenen Hörvermögen.

Die Saccotomie bietet sich nach erfolgloser medikamentöser Therapie insbesondere bei Patienten an, die noch relativ gut hören. Der sogenannte Saccus endolymphaticus bildet das Wasserreservoir des Innenohres. Dieses Reservoir liegt eingebettet im Knochen hinter dem Ohr. Diese knöcherne Einbettung spielt bei der Krankheit des Morbus Menière eine besondere Rolle: das Wasserreservoir kann sich bei Druckerhöhung nicht ausdehnen. Das Prinzip der Operation besteht darin, diesen Saccus endolymphaticus aufzusuchen und ihn von seiner knöchernen Schale zu befreien.

Diese Operationstechnik verlangt aber eine spezielle Ausbildung, da es nicht einfach ist, die Struktur aufzufinden und zu identifizieren. Wird die Operationstechnik jedoch beherrscht, handelt es sich um einen ungefährlichen Eingriff, der die Schwindelanfälle zum Erliegen bringt und mit etwas Glück sogar zu einer besseren Hörfähigkeit des betroffenen Ohres führt. Die Problematik dieser Operationstechnik hat in der Wissenschaft zu heftigen Diskussionen geführt. Es gibt viele Ärzte, die den Erfolg dieser Operation anzweifeln. In Deutschland wird die richtige Operationstechnik nur noch an wenigen Universitäten beherrscht und gelehrt. In unserer HNO Abteilung wird der Eingriff von Dr. Biesinger durchgeführt, der die Operation in seiner Zeit als Oberarzt an der HNO-Klinik der Universität Tübingen erlernte. 

Bei Patienten mit schon fortgeschrittenem Hörverlust kann mittels Einbringung einer toxischen Substanz (Gentamycin(R))in das Mittelohr das mit dem Innenohr verbundene Gleichgewichtsorgan ausgeschaltet werden. Die operative Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven>die selektive Neurektomie des Nervus Vestibularisschaltet das Gleichgewicht endgültig aus. Diese beiden Verfahren, ob medikamentös oder operativ, können eine Hörverschlechterung oder gar Ertaubung durch die Therapie selbst verursachen und werden daher in der Regel nur bei stärker vorgeschädigten Ohren eingesetzt. Sie beeinflussen auch nicht das pathophysiologische Geschehen der Druckerhöhung im Innenohr. Sie behandeln lediglich die Auswirkungen dieser Druckerhöhung nämlich die Schwindelanfälle. Auch nach diesen Maßnahmen wird es weiterhin zu einer zunehmenden Verschlechterung des Gehörs kommen. Dieser Umstand muss bei der Auswahl der Therapiemaßnahmen beachtet werden.

Neben diesen Grundprinzipien der Behandlung des Morbus Menière spielen wie bei allen Innenohrerkrankungenernährungsphysiologische Überlegungeneine Rolle, also gesunde Ernährung, kein Nikotin, eher salzarme Ernährung und die Diagnostik und Behandlung von Störungen der Halswirbelsäule und der Kiefergelenke.

Eine sehr wichtige Rolle spielt die psychologische Betreuung und Behandlung: der Menière-Patient ist infolge der überfallartig einsetzenden Schwindelanfälle entsprechend verängstigt. Aus Sorge, diesen Zustand in der Öffentlichkeit zu erleiden, vernachlässigen fast alle Menière-Patienten ihr soziales Leben und ziehen sich zurück. Vereinsamung, Unsicherheit und Ängste sind die Folge. Nach einer geglückten medizinischen Behandlung mit Beseitigung der Drehschwindelanfälle bleiben diese Probleme oft zurück. Der Patient selbst kann sein Befinden dann meist nicht richtig ausdrücken, für ihn besteht weiterhin eine Unsicherheit, die gerne auch als "Schwindel" dargestellt wird. Dieser "Schwindel" ist jedoch unbestimmt und ganz anders als der für den Morbus Menière typische Drehschwindel! Er ist Ausdruck der genannten Unsicherheit im psychischen Bereich und gut zu verstehen, da die Patienten oft jahrelang diesen als lebensbedrohlich empfundenen Attacken ausgesetzt waren. Aus diesem "Restzustand" nach Beseitigung der Drehschwindelanfälle resultiert nicht selten der Eindruck, die medizinische Behandlung hätte "versagt".
Eine genaue Analyse der Symptome und eine psychologische Diagnostik durch speziell für diese Thematik geschulte Psychologen zeigt die Problematik schnell und gibt klare Handlungsstrategien, damit der Patient wieder zu einem normalen, unbeschwerten Leben im privaten und beruflichen Bereich zurückfinden kann.

Eingebettet in die Therapie der Drehschwindelanfälle ist die Behandlung und Betreuung des oft lästigen Tinnitus, dem die Patienten in mehr oder weniger ausgeprägter Form ausgesetzt sind. Erfreulicherweise hat sich auch bei der Therapie des chronischen Tinnitus viel getan. Mit der Einführung der so genannten Retrainingtherapie sind Behandlungskonzepte entstanden, die zwar keine Beseitigung des Tinnitus versprechen können, jedoch das Ziel, nämlich die Verringerung der psychischo-akustischen Belastung durch das Ohrgeräusch, in den meisten Fällen erreichen können! Wertvolle Hilfsmittel sind dabei so genannte Tinnitusmasker und bei gleichzeitiger Schwerhörigkeit der Einsatz von Hörgeräten.

Auch die Patienten organisieren sich:
sowohl für Patienten mit Tinnitus, als auch für Patienten mit Morbus Menière steht die Deutsche Tinnitusliga mit viel Information und Selbsthilfe zur Verfügung.